Charleston

© 2017 Jumpin' at the AachenSide

Der Charleston entstand vermutlich in der gleichnamigen Stadt in South Carolina, U.S.A. und wurde durch verschiedene negro-musicals, die auf weißen Bühnen aufgeführt wurden, bekannt: 1921 `Shuffle along’, 1922 `Liza’ und 1923 die spektakuläre Revue `Running Wild’, für die der Impressario des New Yorker Colonial Theatre eigens nach Harlem geschickt wurde, wo er drei Jungen, die an einer Straßenecke gegen Bezahlung Charleston vorführten, vom Fleck weg für die Zugnummer engagierte.

Josephine Baker

Josephine Baker

Als 1925 Josephine Baker nur mit Bananenröckchen bekleidet in Berlin die afroamerikanische Urform des Charleston präsentierte, d.h. einzeln und am Platz sämtliche Körperteile vibrieren ließ, Arme, Beine, Schultern, Hinterteil, Hüfte, Brüste in ekstatische Bewegungen versetzte, kannte die Charlestonbegeisterung auch in Deutschland keine Grenzen mehr. Ob in Tanzschulen, zuhause oder in Vergnügungspalästen, überall sah man Personen, die versuchten, ihren schwarzen Tanzidolen gleich die Füße nach innen und außen und wieder zurück zu drehen, synkopisch und in ungeheurem Tempo (148 Schläge in der Minute statt bei normalem Tanztempo höchstens 80) sich ganz der viervierteltaktigen Verzückung zu ergeben. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. “Hans Liebstöckel z.B., ein Nicht-Tänzer, erlebte den Charleston als `Kampfansage zwischen Mann und Weib’, weil ursprünglich der enge Paarbezug von Tänzer und Tänzerin fehlte: “So wenig sie einander mögen, so wenig halten sie offenbar vom Dasein, denn sie suchen sich krampfhaft und mit den größten Anstrengungen ihrer Körper zu entledigen. Zuerst möchten sie Arme und Beine wegwerfen, aber es will nicht gelingen. Gleich darauf geht dieser Hass gegen das Leben auf den Körper selbst über, den sie schütteln, als wäre er eine reife Frucht und als erwarteten sie jeden Augenblick, dass sie vom Ast falle (…). Das also wäre der reine Charleston” (Christian Schär (1990): Der Schlager und seine Tänze in Deutschland der 20er Jahre. Zürich, 95). Tanzlehrer, vor allem aus England, unterzogen dem Tanz eine gründliche “Reinigung”, sämtliche afroamerikanischen Elemente wurden gestrichen, allein die `Scheibenwischerfüße’, Knieknicker und Schleuderbeine wurden geduldet. Aus dem ungezügelt-erotischen afroamerikanischen Einzeltanz war eine langweilige weiße Gesellschaftspaartanzform geworden, die alsbald ihren Reiz verlor.
Black Bottom (höchstwahrscheinlich benannt nach einem Gebiet in Atlanta, das vor allem von Afroamerikanern bewohnt wurde), ein Tanz, der 1926/7 für kurze Zeit aufkam jedoch erhielt all die anrüchigen Elemente, die beim Charleston verpönt gewesen waren, jetzt war es wieder en vogue, das Hinterteil herauszustrecken und die Hüften zu bewegen.

(Verfasser: Sabine Schroetter von it-must-schwing.de)